Wie soll die Arbeit der Hebammen verbessert werden?

Fragen der Niedersächsischen Hebammen. Meine Antworten:

Kurzversion:

  • Arbeitsbedingungen und Löhne verbessern
  • Anzahl Studienplätze und Praxispartner*innen erhöhen
  • Versorgung und Kreißsäle im ländlichen Raum ausbauen
  • Begleitung Schwangerer statt Reaktion auf Komplikationen
  • Verbesserung der Informationslage für Schwangere

Ausführlich:

(1) Wie beurteilen Sie die Situation in der klinischen Geburtshilfe und für welche Maßnahmen werden Sie sich einsetzen, um die Betreuungssituation von Frauen in den Kreißsälen zu verbessern?

Die Situation der klinischen Geburtshilfe entspricht aus meiner Perspektive nicht den realen Anforderungen. Es gibt teilweise, gerade im Ländlichen Raum, zu wenig Kreißsäle, vor allem in guter Erreichbarkeit für schwangere Frauen. Wenn sogar der einzige Kreißsaal in einem Krankenhaus meines Wahlkreises mangels Personals zeitweise außer Betrieb gesetzt werden muss, möchte ich sogar von einer katastrophalen Situation sprechen. Ein Grund sind sicherlich die schlechten Arbeitsbedingungen für Hebammen in der klinischen Geburtshilfe.

Deswegen setze ich mich dafür ein:

1)      Die Arbeitsbedingungen für Hebammen und auch in der Pflege zu verbessern, mit dem Ziel fachbezogener Tätigkeiten, einem 1:1 Betreuungsschlüssel im Kreißsaal und angemessenem Lohn für diese hochwertige Tätigkeit.

2)      Die Anzahl der Studienplätze zu erhöhen, natürlich inkl. die der Praxispartner*innen. Das geht mit Punkt 3 einher:

3)      Die Abdeckung mit Kreißsälen im Ländlichen Raum zu erhöhen. Hierzu brauchen wir eine andere Krankenhausfinanzierung, die sich am gesellschaftlichen Auftrag orientiert.

(2) Für welche Maßnahmen werden Sie sich einsetzen, damit Frauen von Beginn der Schwangerschaft an, in der ambulanten und in der klinischen Geburtshilfe und auch nach der Geburt das uneingeschränkte Fachpotential einer Hebamme zur Verfügung steht?

Die Begleitung von schwangeren Frauen und den Familien durch Hebammen und Entbindungshelfer im Zusammenspiel mit der ärztlichen Versorgung ist ein wichtiger Baustein in der Geburtshilfe. Das entlastet die ärztliche Betreuung und nutzt die Fachkompetenz der Hebammen und Entbindungshelfer. Eine Verbesserung der Rahmenbedingen hier wäre deshalb ein Anliegen, für das ich mich stark machen möchte.

Im Fokus der Geburtshilfe muss die Gesunderhaltung und Stärkung der Frauen stehen. Eine Reduzierung auf ein Reagieren, wenn es zu Komplikationen kommt, die durch frühzeitige Begleitung vermieden werden oder minimiert werden können, ist unverantwortlich.

Es braucht dafür aus meiner Sicht konkret folgende Änderungen, für die ich mich einsetzen möchte:

·         Es muss ein Umdenken in der Gesundheitsversorgung in der Geburtshilfe stattfinden, von Risikominimierung Hin zu Begleitung. Neben den Strukturen im klinischen Alltag, muss die ambulante Begleitung & Betreuung durch Hebammen und Entbindungshelfern gefördert werden. Denn sie ist substanzielle Bestandteil bei Schwangerschaft, Geburtsvorbereitung wie auch Nachsorge, aber auch in der Betreuung bei Fehlgeburten.

·         Im klinischen Alltag steht dabei die notwendige Verbesserung der Arbeitsbedingungen für Hebammen, Entbindungshelfer und der Pflege im Fokus. Dazu gehören u.a. genug Fachstellen an Kliniken, damit der Betreuungsschlüssel im Kreißsaal stimmt und eine Hebamme nicht mehrere Geburten gleichzeitig begleiten muss, sowie sie gemäß ihrer Fachkompetenz eingesetzt werden kann. Sonst wird das weder der Frau, dem Kind noch der Hebamme gerecht. Die Finanzierung von Klinken soll deshalb nicht an Fallzahl, sondern an gesellschaftlichen Auftrag finanziert werden.

·         Zudem muss die Verbesserung der Informationslage von schwangeren Frauen, damit diese wissen, dass sie neben der ärztlichen eine Hebammenbegleitung nutzen können, stattfinden.

·         Damit es auch genügend qualifizierte Hebammen zur Begleitung von Schwangeren gibt, ist die Anzahl der Studienplätze zu erhöhen, natürlich inkl. die der Praxispartner*innen, damit auch alle Studienplätze genutzt werden können. Die Anzahl der Praxispartner*innen liegt natürlich auch an der Anzahl an Praxisstellen. Deswegen ist zudem die Anzahl der Kreißsäle, v.a.im Ländlichen Raum flächendeckend aufzubauen und abzusichern. Versorgungslücken werden so zudem geschlossen und weitre praktische Ausbildungsstellen entstehen.

Auch die Durchlässigkeit der akademischen Ausbildung ist transparent und anhand klarer Kriterien zu ermöglichen. Z.B. soll durch zielgerichteten berufsbegleitenden Weiterbildungsangeboten mit Anerkennung schon erworbener Kompetenzen Hebammen mit beruflicher Ausbildung die gleichwertige Nachqualifizierung ermöglicht werden.

·         Gesetze, Verordnungen und Richtlinien müssen eindeutig und aufeinander abgestimmt überarbeitet werden und eine partnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen Hebammen, Entbindungshelfern und Fachärzt*innen gefördert werden.

(3) Wie kann aus Ihrer Sicht die Geburtshilfe sowie die Betreuung von Schwangeren und Wöchnerinnen als gesamtgesellschaftliche Aufgabe in der Gesundheitsversorgung in Deutschland besser abgebildet werden und welche Maßnahmen wollen Sie ergreifen, um dieser Versorgung den Stellenwert zu geben, den sie verdient?

Die gesellschaftliche Bedeutung von Hebammen und Geburtshelfern muss auch durch eine entsprechende Politik getragen werden. Mehrere Aspekte spielen dabei eine Rolle:

Die relevanten Gesetze, Verordnungen und Richtlinien müssen überarbeitet werden und aufeinander abgestimmt werden mit dem Ziel, die Begleitung und Versorgung über die Schwangerschaft, Geburt und Nachsorge durch Hebammen auf Augenhöhe mit den Fachärzt*innen zu gewährleisten, um partnerschaftlich die bestmögliche Versorgung der Frauen zu ermöglichen.

Die Wahlfreiheit der Schwangeren muss besser kommuniziert werden, damit diese überhaupt von der Möglichkeit wissen und auch davon gebrauch machen können. Die Kommunikation muss so gestaltet werden, dass sie alle betroffenen Frauen erreicht.

Gesundheitsministerien und Familienministerien sollen im Zusammenspiel Sichtbarkeit für die Thematik herstellen. Zudem können vom Bund bis runter in die Kommunen Informationsnetzwerke erstellt und auch schon vorhandene gestärkt werden.

Für politische Entscheidungen ist aus meiner Sicht essentiell, dass sie auf den Dialog von Politik mit allen Betroffenen aufbauen und die verschiedenen Perspektiven einfließen. Deswegen ist der Dialog und Austausch mit schwangeren Frauen und Müttern, Hebammen und Entbindungshelfer und Fachärzt*innen zu pflegen.

Zudem müssen Anreize geschaffen werden, den Beruf Hebamme zu ergreifen und auch im Beruf zu bleiben durch attraktive Arbeitsbedingungen, angemessenen Lohn und vorhandene Studienplätze.

Und zudem sind die unter Frage 1) und 2) beschriebenen Maßnahmen zu realisieren!

Eine vergleichende Darstellung von Kandidat*innen verschiedener Parteien findet sich auch hier: https://hebammen-niedersachsen.de/wahlpruefsteine2021/

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